Gedanken zum Vortrag von Ludwig Lorenz auf dem University:Future Festival 2025
Im Rahmen des University:Future Festivals 2025, das vom 13. bis 15. Mai als zentrale Plattform für Innovation in der Hochschullehre stattfand, besuchte ich am einen englischsprachigen Vortrag mit dem Titel „Connected Thinking – How to hack yourself a second brain“. Referent war Ludwig Lorenz, DigitalChangeMaker und Informatikstudent im Bereich „Computer Science for Digital Media“ an der Bauhaus-Universität Weimar. In seinem Vortrag stellte Lorenz ein Lern- und Wissenskonzept vor, das nicht nur theoretisch überzeugt, sondern auch praktisch anwendbar ist: Die Idee eines „zweiten Gehirns“. Einer digitalen, dynamischen und vernetzten Wissensbasis, die Studierende über ihre gesamte Bildungsbiografie hinweg begleitet. Dieses zweite Gehirn besteht nicht aus bloß archivierten Vorlesungsmitschriften, sondern aus lebendigen, miteinander verknüpften Notizen, die sich stetig weiterentwickeln und neue Verbindungen ermöglichen. Dabei orientiert sich Lorenz am connectivistischen Lernverständnis nach George Siemens. Lernen, so Siemens, sei kein rein innerpsychischer Prozess, sondern bestehe wesentlich im Knüpfen von Verbindungen zwischen Wissenselementen, auch außerhalb des eigenen Kopfes. Diese Verbindungen, so Lorenz, sind es, die aus Information tatsächliches, anwendbares Wissen machen. Lorenz veranschaulichte seine persönliche Herangehensweise an das Konzept mit Einblicken in seine eigene Wissensorganisation: Seit mehreren Jahren arbeitet er mit dem Tool Obsidian, einer lokal installierten Software zur Notizverwaltung, die sich durch ihre Flexibilität, ihre datenschutzfreundliche Architektur und ihre visuelle Netzwerkdarstellung auszeichnet. Mithilfe von semantischem Embedding und der Anbindung an KI-Systeme wie GPT-4 verknüpft er neue Inhalte automatisch mit bestehenden Notizen. So entstehen in Echtzeit neue Bedeutungsräume. Beispielsweise dann, wenn eine neue Notiz zum Thema „Mind-Body-Problem“ automatisch mit bereits vorhandenen Einträgen zu „Dualismus“, „Materialismus“ oder „Bewusstsein“ verknüpft wird. Neben diesem technischen Einblick betonte Lorenz jedoch auch die kognitiven und ethischen Aspekte des Wissensmanagements. Er wies auf die Gefahr hin, dass kognitive Verzerrungen wie der Availability Bias, also die Tendenz, nur an das leicht Erinnerbare zu denken, durch digitale Systeme verstärkt werden können. Deshalb sei es umso wichtiger, nicht nur Daten zu sammeln, sondern diese auch bewusst zu kuratieren und in sinnvolle Strukturen zu überführen. Besonders beeindruckend war Lorenz’ Engagement, dieses Wissen auch weiterzugeben: Im Rahmen des studentischen BAHOS-Programms an der Bauhaus-Universität entwickelte er ein eigenes Seminar mit dem Titel „Connected Thinking“. Dort lernen Studierende, wie sie ihr persönliches Wissensmanagement mit Tools wie Obsidian organisieren können. Das Seminar basiert auf den drei Prinzipien „Collect – Curate – Connect“, also dem Sammeln, Strukturieren und Teilen von Wissen. Es schafft Raum für interdisziplinären Austausch und selbstreflexives Lernen. Der Vortrag war nicht nur inhaltlich fundiert und praxisnah, sondern vermittelte vor allem eine klare Botschaft: Lernen endet nicht mit der Vorlesung oder dem Seminar. Es beginnt dort, wo Wissen aktiv miteinander in Beziehung gesetzt wird.
Meine persönliche Reflexion: Chancen und Herausforderungen: Meiner Meinung nach liegt in der Idee eines „zweiten Gehirns“ ein enormes Potenzial, gerade für Studierende, die sich in einer zunehmend komplexen und informationsreichen Studienwelt orientieren müssen. Ein solches Wissenssystem kann helfen, Lerninhalte nicht nur zu speichern, sondern aktiv zu vernetzen und in den eigenen Denkprozess zu integrieren. Ich finde besonders spannend, dass dadurch nicht nur das Wiederholen von Wissen erleichtert wird, sondern auch neue Zusammenhänge und Ideen entstehen können. Mich hat der Vortrag daran erinnert, wie wichtig es ist, sich beim Lernen bewusst Strukturen zu schaffen, die zum eigenen Denken passen. Ein digitales Tool wie Obsidian könnte dabei hilfreich sein, vor allem, weil es einem ermöglicht, Gedanken grafisch darzustellen. Auch die Möglichkeit, durch KI automatisch Verbindungen zwischen Notizen erkennen zu lassen, finde ich spannend. Allerdings nur, solange man sich bewusst macht, dass diese Technik als Unterstützung gedacht ist und nicht das eigenständige Denken ersetzt. Natürlich sehe ich auch große Herausforderungen: Nicht jede:r hat auf Anhieb Lust oder das technische Know-how, sich mit Markdown, Plugins oder semantischem Embedding zu beschäftigen. Auch ich habe mir während des Vortrags öfter gedacht: Das klingt wirklich vielversprechend, aber es braucht definitiv Zeit, Geduld und eine gewisse Einarbeitung, um ein solches System sinnvoll in den Alltag zu integrieren. Und dann ist da noch die Frage nach der persönlichen Ordnung: Ohne ein durchdachtes System können sich die vielen Notizen schnell in ein digitales Chaos verwandeln. Ich merke, dass ich selbst neugierig geworden bin, so ein Tool einmal auszuprobieren. Ich würde gerne herausfinden, ob sich der zusätzliche Aufwand am Ende auszahlt. Alles in allem ein spannender Input.
~ Johanna Boick
